Die hautnahen Stunden des Benjamin Springer

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Teil 9: Benjamin Springer

Es liegt eine ahnbare Lust in den Bildern Benjamin Springers.

Im Taumel schwüler Nächte verlieren sich die Konturen der Körper – Formen brechen auf und setzen sich nach stiller Ekstase neu zusammen.

Benjamin Springer Bild
“Lymphknoten” © Benjamin Springer

Wir meinen fast, die Lust spüren zu können, in ihren Lackkostümen, in ihrer prallen Saftigkeit, in ihrem heißen Hauchen.

Rot, das wie Lackstiefel erhitzt glänzt – Benjamin Springer führt uns die Nacht als zärtliche Geliebte vor; als eine Bartänzerin, die uns zuzwinkert; als eine Prostituierte, die uns zuhört; als ein Mädchen, das uns zum ersten Mal küsst.

Der Klang einer Jazztrompete erklingt am Fenster zum Unendlichen, denn Fenster sind auch Benjamin Springers Bilder.

Aus der Versteinerung der Nerven meißelt sich ein Akt, der zur bloßen Hülle einer Tänzerin wird, um wieder zum Kristall zu wachsen.

Alles Gewordene verwebt sich, tanzt und zerbricht im nächsten Moment. Dieses alte Werden und Vergehen können wir vor Benjamin Springers Fenster zur Unendlichkeit beobachten.

In zärtlicher Nacht gibt uns die Tänzerin Halt für den Sonnenaufgang – den Zeitpunkt, zu dem alles Laster in einen zuckerschäumenden Schlaf fällt.

Unendliches Wuchern, Kraftbeben, Saftstrotzen – es wird Tag in Benjamin Springers Unendlichkeit, die in ihrem Wuchern ihre innerste Materie preisgibt.

Benjamin Springers Forscherdrang ist seinen Geschöpfen in den Saftstrom gegangen.

Am Tag nach den zärtlichen Nächten schließt sich die Blüte, reift die Frucht, keimt der Same des neuen Lasters der kommenden süßen Nächte Benjamin Springers.

Benjamin Springer Bild
“Zärtlich ist die Nacht” © Benjamin Springer

Wir sind eingeladen, ins Dickicht zu schauen, um einen Blick auf das Liebesspiel der Lichtstrahlen zu erhaschen; dort zu sein, wo sich die Leidenschaft in aller Stille neu erfindet.

Können wir uns dem Taumeln und Wuchern entziehen?


Über den Künstler

  • 2008–2011: B.A. in Afrikanistik
  • 2011–2013: M.A. in Journalistik
  • 2013–2016: Staatsexamen in Kunstpädagogik
  • Seit 2017: Freiberuflicher bildender Künstler

Ausgewählte Ausstellungen

  • 2017: Relevanz (Gruppenausstellung), Salon Similde Leipzig
  • 2017: Soloausstellung, Salon Similde Leipzig
  • 2017: Relevanz GAP (Gruppenausstellung), GAP Leipzig
  • 2018: Werk 2, Leipzig
  • 2018: Subbotnik (Soloausstellung)
  • 2018: Kunstkonzil 36 (Soloausstellung)
  • 2018: LICHT IST TEUFEL (Gruppenausstellung), Alte Kammgarnspinnerei Leipzig
  • 2019: AUF TEUFEL KOMM RAUS (Gruppenausstellung), Alte Handelsschule Leipzig
  • 2019: Offene Ateliers (Gruppenausstellung), Franz-Flemming-Straße Leipzig

(Meine Idee ist, literarische Texte zum Werk in Leipzig ansässiger Künstler zu verfassen. Ich möchte meine Eindrücke schildern, um die Leser auch auf weniger bekannte Künstler der Stadt aufmerksam und ihre Arbeiten einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.)

Nils Müller, geboren 1990 in Leipzig, lebt ebenda als freischaffender Autor. Er hat den Begriff der Kunst als Gewissen der Menschheit in sich aufgenommen und gibt diesen Auftrag an die Leser und Zuhörer weiter. Seine Texte wurden bisher in den Literaturzeitschriften FreiDenker, Syrinx Magazine, neolith- Magazin und dem Magazin des Unternehmens "bring together" sowie im Webzine "The Leipzig Glocal" veröffentlicht.

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