Leipzig's insider blog & webzine in English

  • julie-cover-open-mic_Rico-Molaro.jpg?fit=1020%2C576&ssl=1
    Julie Schöttner, winner of 1003 Nights Contest. (Photo © Rico Molaro / Opera on Tap)
  • cocktail-open-mic-cover_Rico-Molaro.jpg?fit=1020%2C576&ssl=1
    Audience at Cocktail Open Mic Vol. 4, where Julie Schöttner read. (Photo © Rico Molaro / Opera on Tap)

1003 Nights: “Und weiter und fort”

in Dating/Literature by

At our most recent Cocktail Open Mic, we got to hear the very talented Julie Sophia Schöttner read her 1003 Nights contest-winning short story. You can read it yourself here – in the original German and in its English translation.

Julie is 22 years old and grew up in the vicinity of Frankfurt am Main. She has been living in Leipzig for three years now, where she is studying German language and literature. She enjoys writing short stories above all.

Public domain photo
Public domain photo

On her 1003 Nights piece, the author says:

“The text ‘And on and on’ came about in fragments and gradually developed into the story. On the one hand, I wanted to create a kind of snapshot and write about a night which in itself is so complete and saturated that it deeply enriches you. On the other hand, I wanted to write about two strangers who find each other precisely in such a night and share a perfect moment together and then get lost again.”


A party. (Photo © Stefan Hopf)
Eine Clubparty. (Bild © Stefan Hopf)

Original in German:

Und weiter und fort

Alles zerschwimmt und verzerrt, ich streiche mir Haare aus der Stirn, die sich anfühlen wie nasse Spinnweben. Sie winden sich, als ich sie zum Zopf binde. Mein Blick verwischt im Raum und dem Nebel, der durch die sauerstoffarme Luft schwebt. Die Menschen sind klebrig und tanzen.

Ich habe vergessen, wie man nicht lacht. Alles ist da und dada und dabei so intensiv, ich möchte fast weinen, möchte nur noch tanzen, tatütatatanzen. Ich sehe dich.

Wir schleichen umeinander, bis ich mich entferne. An der Bar trinke ich einen Kurzen und dann tanze ich weiter.

Plötzlich bist auch da und nimmst meine Hand, ziehst mich zu dir. Ich grinse dich an.

Wir sind groß. Wir sind schön. Wir sind scheu und werden mutig, tanzen um uns selbst, um den Verstand herum, am Rande des Wahnsinns und weiter und fort. Nie war da mehr Sinn, nie hatten wir so viele Sinne wie jetzt. Wir versuchen uns zu fassen, doch dafür sind wir zu groß. Heimlich küsst du mich.

Wir sind alles, wir sind nichts. Wir sind eins. Wir sind zwei. An der Toilettentür steht: Love your vagina. An der Toilettentür steht: Das spät wirkter. Ich denke mir: Ich bin eine Zeit, die viel Mensch braucht. An der Toilettentür steht: Krieg den Palästen. Steht: Du bist besser als du denkst, aber überschätz dich nicht! Irgendwann ziehst du mich hinter dir her nach draußen.

Du lehnst an der Mauer, drehst dir eine Zigarette und ich trete nah an dich heran. Du starrst auf deine Finger, die nicht schnell genug deiner Sucht gehorchen wollen. Dann hast du den Tabak endlich gleichmäßig im Blättchen verteilt und das Blättchen gerollt und den Filter am Rande des Blättchens gerichtet, das Blatt dann gedreht und schließlich mit der Zungenspitze die Kante geleckt und verdreht und geschlossen. Du fragst mich nach Feuer und gibst es mir nicht zurück, sondern steckst es geistesabwesend in deine Hosentasche. Ohne dass du es ahnst, schenke ich es dir.

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich mit dir rede. Ich erzähle dir von Dostojewski und Tolstoi. Du hörst mir leise zu und lächelst ein bisschen und rauchst. Ich mag dich so.

Du heißt Paul und spielst Schlagzeug und du hattest gemeinsam mit Freunden ein paar Auftritte hier und da. Die Spielunke unter der Wohnung diente euch tagsüber als Proberaum und ihr verbrachtet graue Nachmittage mit Bier zapfen und spielen. Dann ging irgendwann alles den Bach runter, die Spielunke wegen Steuerhinterziehung und das mit deinen Freunden aber irgendwie auch. Jetzt steht das Schlagzeug im Keller deiner Eltern und du spielst nicht mehr.

„Warum spielst du nicht mehr?“, unterbreche ich dich. Du überlegst einen Moment, zuckst mit den Schultern und sagst: „Komm, wir gehen wieder rein, die Nacht ist noch dunkel.“ Zu albern und leicht. Ich folge dir hinein.

Draußen graut der Morgen, doch wir tanzen immer und weiter und das einzige Licht sind die wandernden Punkte um uns her, wir sind in einem Kaleidoskop, wir sind uns endlich selbst genug und das lassen wir uns nicht mehr nehmen. Die Musik wird leiser, die meisten gehen, doch wir tanzen weiter. Es ist unsere Nacht, es kann nicht unser Tag werden. Wir sind hier und wir lassen nicht los, die Nacht endet nicht, wir tanzen sie uns zurück! Vielleicht schaffen wir das, vielleicht fangen wir den Mond und kehren den Tag um. Dann kehren uns die Türsteher raus vor den Eingang.

„Wohin jetzt?“, frage ich und du zuckst mit den Schultern.

„Schlafen“, sagst du.

Ich schüttele den Kopf. „Noch nicht“, sage ich und du lachst.

In der Tram sind wir verlegen, wir riechen nach Disko.

Duftende Menschen umgeben uns, sie sind auf dem Weg zur Arbeit, haben polierte Schuhe und halten Kaffeebecher in den Händen. Wir sitzen aneinander gelehnt, es gibt nur uns.

Ich erzähle dir von Russland, von meiner Familie und dem Winter. Du erzählst mir von der Platte, in der du groß geworden bist. Wir fahren noch ein Stück, dann spazieren wir durch den Park, am Musikpavillon vorbei über die Sachsenbrücke und weiter. Du erzählst mir davon, hier im Park Fahrrad fahren gelernt zu haben. Wenn du redest, lächelst du zart.

Ich schließe meine Wohnung auf und entschuldige mich für die Unordnung, die dir gar nicht aufgefallen wäre, so sagst du. Du siehst dich um und zeigst auf gerahmte Fotos.

„Hast du die gemacht?“, fragst du.

„Ja“, sage ich.

„Ist das Russland?“

„Ja, die Tundra. Ich war lange nicht mehr da.“

Ich nehme ein Bild in die Hand und zeige dir meine Großeltern.

„Ich fühle mich schlecht, weil ich weggegangen bin. Dabei hab ich es nicht gemocht. Manchmal fehlt es mir. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nur dorthin gehöre.“

„Du kannst einen Jungen aus dem Ghetto holen aber nicht das Ghetto aus dem Jungen“, sagst du.

„Was?“

„Ach. Das hat Zlatan Ibrahimovic mal gesagt.“

„Wer ist das?“

„Ein Fußballer.“

„Achso.“

„Aber der Spruch ist gut.“

„Ja.“

„Bei dir ist es vielleicht das gleiche. Ein Mädchen verlässt die Tundra aber die Tundra nicht das Mädchen.“

Wir rauchen und kauen auf Sonnenblumenkernen herum. Du sagst, du magst das Wort Semetschki. Wir liegen auf Balkonboden.

Ich gehe duschen und als ich wieder komme, liegst du in meinem Bett und zappst durch das Fernsehprogramm. Ich lege mich neben dich. Deine Hand streicht meinen Arm.

„Warum ich nicht mehr Schlagzeug spiele“, sagst du irgendwann, „hat einen Grund. Ich fürchte, ich habe mein Talent verloren.“ Wir sehen aneinander vorbei.

„Vielleicht hatte ich nie welches. Wenn ich jetzt anfange zu spielen, ist es schlecht, einfach schlecht. Dann kann ich nicht weiterspielen.“

„Vielleicht solltest du dir einen Lehrer suchen?“, frage ich. Du schüttelst milde den Kopf. Ich denke an Großmutter, sie sagt: Leere Worte weht der Wind fort.

Im Türrahmen lächelst du mir zu.
„Vielleicht sieht man sich ja mal wieder“, sagst du.

„Ja“, sage ich. Die Tür schließt sich und alles wird unwirklich. Ich setze mich auf den Balkon. Die Sonne verschwindet hinter den Häusern, Mücken summen um meinen Kopf. Die Welt ist träge, Russland nachtschwarz.

Sonnenblumenkerne kauend warte ich auf Müdigkeit.


A party. (Photo © Stefan Hopf)
A club party. (Photo © Stefan Hopf)

English translation:

And on and on

 Everything watering and blurred, I brush the hair away from my forehead that feels like wet cobwebs. They curl as I gather them to a ponytail. My gaze blurs in the room and in the fog floating through the low-oxygen air. The people are sweaty and dancing.

I have forgotten how not to laugh. Everything is there and so intense, I almost want to cry, I just want to dance, following the sounds of sirens. I spot you.

We sneak around each other until I go away. At the bar, I have a shot and then I dance more.

Suddenly you are there, taking my hand and pulling me toward you. I am smiling at you.

We are grown-ups. We look damn good. First, we are shy and we get bold, dancing around each other, out of our minds on the verge of madness, and on and on. Never was there more sense, never did we have such a plethora of senses as we do now. We try to grasp each other, but for that, we’re too big. Secretly you kiss me.

We are everything, we are nothing. We are one. We are two. On the toilet door is written: Love your vagina. On the toilet door is written: War to all palaces. Long live the slums.. I think to myself: I’m in an era that needs us to be so humane. On the toilet door is written: War on the palaces. You’re better than you think, but don’t overrate yourself!” Eventually you pull me out behind you.

You lean on the wall rolling a cigarette and I step up close to you. You stare at your fingers, which cannot follow your addiction fast enough. Then you finally got the tobacco evenly spread in the leaf and you rolled the leaf, setting the filter on the leaf’s edge, then turning the leaf and finally licking the edge with the tip of the tongue, twisting and closing it. You ask me for a light and you do not give it back, but you put it absentmindedly in your pocket. Without you knowing it, I give it to you as a present.

Only now I notice that I’m talking to you. I am telling you about Dostoevsky and Tolstoy. You listen to me quietly and smile a bit and smoke. I like you so much.

Your name is Paul and you play the drums and with your friends you had a few gigs here and there. The dive bar under the flat serves as a rehearsal room to you and you spent drab afternoons tapping beer and playing. Then everything went down the drain, the dive bar due to tax evasion and the thing with your friends somehow too. Now the drums are in the basement of your parents and you do not play anymore.

“Why don’t you play anymore?” I have to interrupt you. Pondering for a moment, you shrug your shoulder and you say:

“Come, let’s go inside again, the night is still dark.” Too silly and easy. I follow you inside.

Outside the morning is dawning, but we always dance and keep doing it and the wandering points around us are the only light. We are in a kaleidoscope, we are finally ourselves and we will not let that be taken from us. The music fades, most people leave but we continue dancing. It’s our night, it cannot become our day. We are here and we do not let go, the night is endless, we dance for it! Perhaps we can do that, perhaps we catch the moon and turn back the day. Then the doormen get us out in front of the entrance.

“Where to now?” I ask and you shrug.

“Going to sleep,” you say.

I shake my head. I say “Not yet,” and you’re laughing.

We feel embarrassed in the tram, we smell like disco.

Nice-smelling people surround us, they are on the way to work, wearing polished shoes and holding coffee cups in their hands. We sit leaning on each other, there is only us.

I tell you about Russia, my family and winter. You tell me about the block of flats in which you grew up. We still drive a bit, then we walk through the park past the music pavilion and across the Sachsenbrücke and further. You tell me that you learnt how to cycle in the park. When you talk, you smile tenderly.

I open up my apartment and apologize for the mess. You wouldn’t have noticed, you say. You look around and point to framed photos.

“Did you take those?” you ask.

“Yes,” I say.

“Is that Russia?”

“Yes, the tundra. I haven’t been there for a long time.”

I take a picture in my hand and show you my grandparents.

“I feel bad, because I went away. And yet I did not like it. Sometimes I feel homesick. Sometimes I have the feeling that I belong there only.”

“You can get a boy out of the ghetto but not a ghetto out of the boy”, you say.

“What?”

“Oh. Zlatan Ibrahimovic said that once.”

“Who is that?”

“A football player.”

“Oh, ok.”

“But the quote is good.”

“Yes.”

“It’s the same with you maybe. A girl leaves the tundra but the tundra doesn’t leave the girl.”

We smoke and chew away at sunflower seeds. You say you like the word semechki. We lie on the balcony floor.
I take a shower and when I come back you lie on my bed, zapping the TV program. I lie next to you. Your hand strokes my arm.

“Why I no longer play the drums,” you say at some point, “has a reason. I am afraid that I lost my talent.” We stare past each other.

“Perhaps I never had any. When I start to play now, it is bad, just bad. Then I cannot continue playing.”

“Maybe you should look for a teacher?” I ask. You shake your head mildly. I think of grandmother, she says: Empty words are blown away by the wind.

At the door frame, you smile at me.

“Perhaps we’ll see each other once again,” you say.

“Yes,” I say. The door closes and everything becomes unreal. I sit on the balcony. The sun disappears behind the houses, mosquitoes buzzing around my head. The world is sluggish, Russia black as the night. Chewing sunflower I wait for the fatigue.


© 2018 Julie Sophia Schöttner (translated by Alfred Weis)


Photo credit: Jonathan Kos-Read on Visualhunt.com / CC BY-ND

WINNER: 1003 NIGHTS (OF LEIPZIG) LITERARY CONTEST – FICTION

Über Julie: “Ich bin 22 Jahre alt und in der Nähe von Frankfurt am Main aufgewachsen. Seit drei Jahren lebe ich in Leipzig und studiere Germanistik. Ich schreibe am liebsten Kurzgeschichten. Der Text „und weiter und fort“ entstand in Fragmenten und setzte sich nach und nach zu der Geschichte zusammen. Einerseits wollte ich eine Art Momentaufnahme schaffen und über eine Nacht schreiben, die in sich so rund und gesättigt ist, das sie nachhaltig bereichert. Andererseits wollte ich über zwei Unbekannte schreiben, die sich in eben einer solchen Nacht finden, einen vollkommenen Moment teilen, und sich dann wieder verlieren. Dabei kam diese Geschichte heraus.”


Next Cocktail Open Mic:

23 Nov 2018

Public and performers mingling at Stan's bar at our Cocktail Open Mic on 8 June, 2018. (Photo: Justina Smile Photography)
Public and performers mingling at Stan’s bar at our Cocktail Open Mic on 8 June, 2018. (Photo: Justina Smile Photography)

Latest from Dating

Go to Top