Warst Du Kind genug? Lena Inosemzewas Malerei

in Arts/Philosophies

“Warst Du Kind genug?”: Teil 4

Lena Inosemzewa stellt uns Kindertage hinter verwischten Scheiben vor. Scheinbar ungewollte Flecken, Tupfen und Tropfen bilden hier eine Patina, ein Gegengewicht zur erinnerten Zeit.


 

The Guest. Bild © Lena Inosemzewa
The Guest. Bild © Lena Inosemzewa

Es ist nicht sicher, ob der Schatten ein Schatten, oder ob er ein Gast ist. Wenn sie uns das Lied von ihrer Heimat Kasachstan singt, meint man, diesen Hof, die Gartenlaube und die Kinder selbst erlebt zu haben. Hier werden wir an die Hand genommen und beginnen, durch den Garten der eigenen Erfahrbarkeit zu laufen.

Auch der Unrat in diesem Hof wird glaubhaft, denn hier wird gelebt. Der Winter mit seinem lila Licht ist uns vertraut, wie auch der Arbeiter hinter dem Fenster, der etwas Heißes trinkt.


 

Der Winter geht auf Jagd II. Bild © Lena Inosemzewa
Der Winter geht auf Jagd II. Bild © Lena Inosemzewa

Wie im Flug grĂ€bt sie die Farbe in die Leinwand, wie auch die Kindheit in uns gepflanzt wurde. Es sind Bilder, die schnell gemalt wurden, wie auch die Erinnerungen ihrer Malerin, als Leuchtstreifen kaum erschienen, schon wieder im VerglĂŒhen sind. SpĂŒren wir ihrem Farbauftrag nach, ahnen wir eine zweifache Schöpfung aus Erinnerung und Malerei.

Lena Inosemzewa macht uns nichts vom großen Unbefleckten vor.

Vielmehr zeigt sie uns, dass auch unser ZurĂŒckgehen in unsere Kinderjahre unvollkommen ist; dass es verschwimmt und uns tĂ€uscht.

Wie eine kluge Bauerstochter lÀsst sie die Sonne aufgehen oder nicht, lÀsst Schnee liegen oder nicht, es kalt werden oder nicht.

So rasch wie ein Augenblick ist auch Inosemzewas Grafik: Wo die Tusche verlÀuft, wachsen den Blumen Köpfe, vertiefen sich Schatten und tritt ein Körper aus der Tiefe. Aus dem Saft der Tusche erwachsen BÀume, wie Adern auf den Köpfen der HundertjÀhrigen, die noch heute in Kasachstan vor den HÀusern sitzen und im Lachen und ErzÀhlen noch immer Kinder sind.


Zur KĂŒnstlerin

  • 1975 in Kasachstan geboren
  • Kunststudium in ihrer Heimatstadt Semipalatinsk
  • Arbeit als KunstpĂ€dagogin, Illustratorin und BĂŒhnenbildnerin sowie Journalistin und Redakteurin
  • Studium: Slawistik und Kunstgeschichte
  • BegrĂŒnderin des deutsch-russischen Literaturzirkels buterbrod
  • Heute lebt und arbeitet sie als freischaffende KĂŒnstlerin malerisch und literarisch in Leipzig

AusgewÀhlte Ausstellungen:

  • Okt–Dez 2016: Gruppenausstellung im Museum der bildenden KĂŒnste, Semipalatinsk, Kasachstan
  • 15.10.–27.11.2015: „Symptoms of the City“, Gallery Planet, Seoul, SĂŒdkorea
  • 15.–20.11.2014: Gruppenausstellung „peace-art-nature“ im Ulucanlar-Cezaevi-Kunstmuseum, Ankara, TĂŒrkei
  • 28.09.–01.10.2014: Kunstsymposium und Gruppenausstellung „Yalnizca BarÄ±ĆŸa Taraf“, Kandira, TĂŒrkei
  • 16.03.–12.04.2013: Personalausstellung „liquid words“, Malerei und Zeichnung, Galerie Fango, Cottbus
  • 05.07.–15.09.2012: Personalausstellung „Vertraute Gesichter“, Mehrweg e.V., Kulturbetrieb „WolkenSchachLenkWal“ (WSLW), Leipzig
  • Seit 2012: Werkschau im G11 art project, Spinnerei, Leipzig
  • 01.05.–01.06.2008: Gruppenausstellung „Malerei und Grafik“, Kunstsalon des Vereins Beistandsleistung e.V., Leipzig
  • 01.09.–28.10.2005: Gruppenausstellung „BrĂŒckenschlag – Sichten Leipziger KĂŒnstler aus der ehemaligen Sowjetunion“, Stadtbibliothek, Leipzig
  • 01.09.–31.10.1997: Gruppenausstellung „Herbstsalon“, Museum der bildenden KĂŒnste, Semipalatinsk, Kasachstan

Buchillustrationen:

  • 2002–2014: Oleg Akulov (Hg.): Penaty. JĂ€hrlicher Almanach, Leipzig
  • 2003: Anatolij Grinvald: Die Stadt aus der Tinte. Lyrik, Tula
  • 2005: Andreas Diehl: Abschied ins dritte Land. Lyrik, Berlin
  • 2012: Buterbrod. NRST, Leipzig
  • 2012: Nadezhda Seredina: Wildwuchs. ErzĂ€hlungen. ILB, Leipzig/Woronesch
  • 2012: Sergej Popow: Seifenblase. Roman. NRST, Leipzig

Theater:

1998 (UrauffĂŒhrung): BĂŒhnenbild und KostĂŒme zu Edward Albee: „Alles im Garten“, russisches Staatstheater in Semipalatinsk, Kasachstan, Regie: G. Fjodorov

Preise:

2014: Nominierung fĂŒr den renommierten russischen Literaturpreis – „Russkaja Premija“


 

Tauwetter. Bild © Lena Inosemzewa
Tauwetter. Bild © Lena Inosemzewa

(Meine Idee ist, literarische Texte zum Werk in Leipzig ansĂ€ssiger KĂŒnstler zu verfassen. Ich möchte meine EindrĂŒcke schildern, um die Leser auch auf weniger bekannte KĂŒnstler der Stadt aufmerksam und ihre Arbeiten einem breiteren Publikum zugĂ€nglich zu machen.)


Der Winter geht auf Jagd I. Bild © Lena Inosemzewa
Der Winter geht auf Jagd I. Bild © Lena Inosemzewa

Cover photo: Im Schatten; detail. Bild © Lena Inosemzewa

Nils MĂŒller, geboren 1990 in Leipzig, lebt ebenda als freischaffender Autor. Er hat den Begriff der Kunst als Gewissen der Menschheit in sich aufgenommen und gibt diesen Auftrag an die Leser und Zuhörer weiter. Seine Texte wurden bisher in den Literaturzeitschriften FreiDenker, Syrinx Magazine, neolith- Magazin und dem Magazin des Unternehmens "bring together" sowie im Webzine "The Leipzig Glocal" veröffentlicht.

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